Im Iran wird gerade nicht „diskutiert“. Im Iran wird gerade gekämpft – auf der Straße, im Dunkeln, unter Kameras, die ausgeschaltet werden sollen. Und wer bei so etwas neutral tun will, tut nur so, als wäre ihm Würde ein Luxusartikel.
Seit Ende Dezember gehen Menschen im Iran landesweit auf die Straße. Aus wirtschaftlicher Verzweiflung wurde vielerorts offene Systemkritik. Und wie reagiert ein Regime, das seine eigene Bevölkerung fürchtet? Mit Gewalt, mit massenhaften Festnahmen, mit Drohungen – und mit dem Versuch, die Wirklichkeit zu löschen, indem man den Zugang zur Wirklichkeit kappt.
Das ist keine Metapher. Iran hat einen landesweiten Internet-Blackout erlebt; NetBlocks meldete massiven Einbruch der Konnektivität, Reuters berichtete darüber in direkter Verbindung zu den Protesten. () Selbst iranische Filmschaffende bezeichneten die Abschaltung öffentlich als „Werkzeug der Repression“, um Gewalt zu verbergen. ()
Das ist der Kern: Erst schlagen. Dann das Licht aus.
Und jetzt komme ich zu dem Teil, der wirklich weh tun muss – weil er uns betrifft.
Wir leben in einer Epoche der moralischen Lautsprecher. Für manche Themen reichen ein paar Schlagworte, und schon marschiert eine Empörungs-Armee los, Tag für Tag. Man kann das für engagiert halten, man kann es für naiv halten, man kann es für instrumentalisiert halten – aber man kann es nicht übersehen.
Und dann gibt es Momente, die sind wie ein Lackmustest. Der Iran ist so ein Moment.
Denn wenn Menschen im Iran gegen ein theokratisches Gewaltregime aufstehen – gegen eine Ordnung, die im Kern auf Unterwerfung beruht –, dann müsste gerade jene Szene laut sein, die sich sonst gern als moralische Avantgarde inszeniert. Feministisch. Progressiv. Menschenrechtlich. Antiautoritär. Das ist doch eigentlich ihr Terrain.
Und trotzdem ist es in auffällig vielen Ecken plötzlich still. Nicht überall. Ich rede nicht von „allen“. Ich rede von einem Muster, das man nicht mehr wegwischen kann.
Warum diese Stille?
Weil es einen Reflex gibt, der wie Rost in Teilen unserer politischen Kultur sitzt: Alles, was „gegen den Westen“ steht, wird automatisch als Widerstand verklärt. Und wenn ein Regime antiwestliche Parolen brüllt, wird es von manchen fast schon als „Gegengewicht“ romantisiert – selbst dann, wenn dieses Regime Frauen entrechtet, Oppositionelle einsperrt und Proteste niederknüppelt.
Das ist keine Linke, das ist keine Gerechtigkeit, das ist keine Solidarität. Das ist Ideologie. Und Ideologie ist eine Maschine, die Menschen frisst und sich dabei für moralisch hält.
Es ist grotesk: Im Iran kämpfen Menschen gerade für genau jene Dinge, die man hierzulande auf Transparenten herumträgt – Freiheit der Rede, Schutz vor staatlicher Willkür, Würde des Individuums, das Recht, nicht als Eigentum einer religiösen Ordnung zu gelten. Und trotzdem rutscht dieses Thema bei vielen aus dem Fokus. Weil es das bequeme Weltbild stört, in dem die Welt wie ein Schachbrett funktioniert: hier die Guten, da der Westen, und wer gegen den Westen ist, muss irgendwie „gut“ sein.
Nein. So funktioniert Moral nicht. So funktioniert nur Lagerdenken.
Und währenddessen eskaliert die Lage vor Ort. Internationale Medien berichten von einer Ausweitung der Proteste, von Toten und vielen Festnahmen, von zunehmender Härte der Staatsorgane. ()
Es gibt inzwischen klare internationale Worte. Deutschland, Frankreich und Großbritannien haben in einer gemeinsamen Erklärung die Tötung von Demonstrierenden verurteilt und Teheran zur Achtung grundlegender Rechte aufgefordert. () Die EU-Spitze sprach von einer „unverhältnismäßigen“ und „heavy-handed“ Reaktion. ()
Gut. Aber gut reicht nicht. Denn ein Regime, das das Internet abschaltet, um Gewalt unsichtbar zu machen, hat eine Sprache, die es versteht: Kosten. Druck. Konsequenzen.
Und ja, das ist der Punkt, an dem man aufhören muss, sich hinter Floskeln zu verstecken.
Wer jetzt noch so tut, als sei das alles „komplex“ und man dürfe „keine Seite“ wählen, wählt bereits eine Seite: die der Untätigkeit. Und Untätigkeit ist das bequemste Bündnis mit dem Stärkeren.
Was nötig ist, ist keine Kriegstrommel. Was nötig ist, ist Klarheit plus Handeln:
Gezielte Sanktionen gegen Verantwortliche der Repression (nicht gegen die Bevölkerung). Konsequente Öffentlichkeit, damit der Blackout nicht gewinnt. Unterstützung freier Kommunikation, damit Zeugenschaft möglich bleibt. Und Schutz für Verfolgte – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Denn das ist die bittere Wahrheit: Wenn das Licht ausgeht, stirbt zuerst die Information. Dann stirbt die Hoffnung. Dann sterben Menschen.
Ich bin wütend, weil unsere Empörung so oft nach Mode funktioniert. Weil man „Freiheit“ sagt, aber „Freiheit“ meint: die Freiheit, sich nur dort zu empören, wo es ins eigene Lager passt. Weil viele in Deutschland schneller wissen, wogegen sie sind, als wofür sie stehen.
Und deshalb schreibe ich das hier.
Für die Menschen, die im Iran auf den Straßen stehen, während wir uns in Talkshows verheddern. Für die, die nicht wissen, ob sie heute Abend nach Hause kommen. Für die, die trotzdem rausgehen.
Für einen freien Iran. Jetzt.
Nicht als Trend. Nicht als Narrativ. Nicht als moralische Kulisse. Sondern als Minimum an Anstand.

